Cavour, gemalt von Antonio Ciseri – 1861
Unter den Porträts des Grafen Cavour ist das von Hayez aus dem Jahr 1864 das bekannteste. Es gibt jedoch ein weiteres, drei Jahre zuvor von Ciseri geschaffenes Gemälde, das in den Sammlungen des Schlosses Thorens aufbewahrt wird. Getreu seinem Stil scheint Ciseri hier in die Seele des Staatsmannes eingedrungen zu sein und so mit seinem Pinsel ein Porträt entstehen zu lassen, das die gesamte Psychologie Cavours offenbart.
Dieses Porträt des Staatsmannes Camille de Cavour wurde lange Zeit Francesco Hayez (1791–1882) zugeschrieben, der bereits ein anderes berühmtes Porträt Cavours (1864) gemalt hatte, das sich heute in der Galleria Brera in Mailand befindet. Das Porträt im Schloss Thorens hingegen stammt von Antonio Ciseri (1821–1891), einem italienischen Tessiner Maler. Eine Inschrift auf der Rückseite der Leinwand schreibt dieses Werk offiziell Ciseri zu: „Ant: Ciseri fece a Firenze da una fottografia sul cadere del 1861“ (Übersetzung: „Ant. [Antonio] Ciseri malte ihn Ende 1861 in Florenz nach einer Fotografie“).
Kunsthistoriker waren sich jedoch lange über diese Zuschreibung nicht im Klaren, da Ciseris Name auf der Rückseite des Gemäldes mit einem langen „s“ geschrieben war. Sie glaubten, es handele sich um eine Person namens „Ciferi“. Zudem konnten sie die Abkürzung des Vornamens nicht lesen: „Ant“ steht für Antonio und nicht für „Anti“, wie vermutet. Einige suchten daher vergeblich nach einem Maler namens „Anti Ciferi“, den es natürlich nie gab.
Antonio Ciseri ist besonders für den raffaelischen Stil seiner religiösen Gemälde bekannt, aber auch für den fast fotografischen Realismus dieser Werke. Letzteres Merkmal ist diesem Porträt von Cavour inhärent, über das Professor Guichonnet schrieb: „Auf einer Staffelei, in einem skulptierten und vergoldeten Rahmen, eines der schönsten – zweifellos das schönste – von Cavours Porträts. Dieses Ölgemälde zeigt den Staatsmann in seinen späteren Jahren, mit ergrauendem Haar und Bart, einer üppig modellierten Stirn und einem lebhaften Blick hinter seiner Brille. Dieser schmale, ironische Mund scheint jeden Moment zum Leben zu erwachen und zu sprechen.“ Wie Professor Guichonnet andeutet, konzentrierte sich der Maler auf dieses Gemälde darauf, die Realität wiederzugeben und die tiefen Gefühle des Staatsmannes hervorzurufen. Als Ciseri dieses Porträt nach einer Fotografie malte, hatte Cavour, der Gründer der Einheit Italiens, diese Welt bereits am 6. Juni 1861 verlassen.
Text: Jean-François de Roussy de Sales & Gilles Carrier-Dalbion. Die Vervielfältigung des Textes, auch auszugsweise, ist ohne Genehmigung verboten.